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[Rezension] Jane Austens Northanger Abbey

Cover McDermid Northanger Abbey Jane Austens Northanger Abbey – Val McDermid
HarperCollins
Hardcover mit Schutzumschlag, Januar 2016
ISBN 978-3-959670180
320 Seiten

19,90 Euro

Behütet aber ohne viele Altersgenossen wächst die junge Dame Cat Morland als Pfarrerstochter auf. Damit sie endlich etwas erlebt, nehmen die kinderlosen Allens sie mit nach Edinburgh, weil dort ein Kulturfestival ist und sowohl Herr als auch Frau Allen gerne etwas jüngere Gesellschaft hätten.
Vor Ort wird Cat mehr oder weniger auch in die Gesellschaft eingeführt, sie bekommt auch endlich eine Freundin: Bella Thorpe. Deren Bruder John hat ein Auge auf Cat geworfen, diese aber eher auf den schmucken Anwalt Henry Tilney, der ihr bei einer Tanzstunde beisteht.

Während Bella gerne Zeit mit Cat verbringen möchte, weil sie auf Cats Bruder James scharf ist, will Cat sich mit Henrys Schwester Ellie anfreunden, die ebenso belesen und wissbegierig ist, anders als die klatschsüchtige Bella.
So wird Cat schließlich sogar zu Ellie und Henry nach Hause eingeladen, nach Northanger Abbey. Dort ist es wie einem Gruselroman entsprungen, die Cat so gerne liest, und alles sieht nach einer gruseligen Vorgeschichte aus. Denn über Henrys und Ellies Mutter spricht keiner gerne, und in die ehemaligen Räume darf auch keiner mehr hinein. Ist dort ein Verbrechen geschehen oder Misses Tilney sogar noch am Leben?

Die neue Version von „Northanger Abbey“, geschrieben von Val McDermid ist eine ziemlich identische Fassung der Originalgeschichte. Die Namen wurden etwas angepasst, so wurde aus Catherine „Cat“, aus Isabella „Bella“, aus Eleanor „Ellie“. Die Jungs dürfen ihre Namen behalten.

Zunächst war die Lektüre ziemlich irritierend. Zum ersten Mal habe ich Jane Austens Version 2013 gelesen, anschließend die wirklich schreckliche BBC-Verfilmung geschaut. Die Verfilmung ist mir etwas unscharf im Gedächtnis geblieben, vom Buch wusste ich nur noch, dass ich eine Menge nicht nachvollziehen konnte.
In Jane Austens Geschichte wird eine Menge kritisiert, da ich aber weder genau weiß, warum damals Schauergeschichten so lächerlich waren, noch welche Autoren dort auf die Schippe genommen werden, waren es für mich viele Namen und ein ständiges Hin und Her mit den Figuren. Henry ist mal da, dann wieder nicht, dann nervt John, dann wieder nicht. Jane Austens Art, das alles auszudrücken, obwohl 2013 großartig von Ursula und Christian Grawe übersetzt, war etwas schwer verständlich.

Die Version von Val McDermid ist wie die Geschichte mit Untertiteln zu lesen.
Zuerst war es etwas seltsam, weil Cat aus einem Pfarrerhaushalt kommt, zuhause unterrichtet wurde, zu Verwandten kommt die gerne Kleider kaufen und altmodisch Tee am Nachmittag trinken – es hätte wie zu Zeiten Jane Austens sein können.
Dann aber fallen Begriffe wie „Facebook“, „Twitter“ und „SMS“. Und das immer gleichzeitig. Aus irgendeinem Grund nutzen die Figuren bei McDermid nicht nur Whatsapp oder SMS, sondern immer Facebook, Twitter und SMS gleichzeitig. Über alle Kanäle muss man erreichbar sein.
Diese Einstreuen von Begriffen passte erst so gar nicht zu der modernen Version, weil es dadurch nicht wirklich modern gemacht wurde.

Es machte den Eindruck, als hätte McDermid einfach Worte wie „Brief“ mit „SMS“ ausgetauscht, „Kutsche“ durch „Auto“ ersetzt und „Kontakt aufnehmen“ mit „telefonieren“. Natürlich wurden auch andere Romane diskutiert, es fiel der Begriff „Twilight“ und „Harry Potter“.

Interessanterweise scheint McDermids Version auch in einem Universum zu spielen, indem die Bücher von Jane Austen existieren – „Stolz und Vorurteil“ wird ebenfalls genannt, aber Northanger Abbey natürlich nicht.

Oben habe ich ja erwähnt, dass ich die Gesellschaftskritik teilweise gar nicht verstanden habe. Bei Val McDermid kam das viel deutlicher rüber. Dadurch, dass die Geschichte vom Handlungsverlauf nur auf modern gemacht wurde, ansonsten aber fast nichts verändert war, war die Geschichte plötzlich verständlich und im Nachhinein wurde vieles klarer, worauf Jane Austen wohl angespielt hat. Sollte also jemand mal Jane Austen in der Schule besprechen, ist das Buch von McDermid eine absolut großartige Hilfe – man muss nur das Ende anpassen, hier hat sich John Thorpe selbstverständlich eine zeitgemäßere Beleidigung einfallen lassen.

Gut zwei Drittel des Buches habe ich nichts neues gelernt, und obwohl sich dieses Buch natürlich durch die zeitgemäße Sprache besser lesen ließ als ein 200 Jahre alter Roman war mir auch die zweite Lektüre der Geschichte nicht das unendliche Vergnügen. Ich habe mir von einer Krimimeisterin tatsächlich etwas mehr erhofft, obwohl das Ende, also der Part in Northanger Abbey, schon sehr gut verfasst wurde. Aber auch hier war es eher wie die Kulisse von Jane Austen besuchen und wissen, dass es nicht echt ist. Es wirkte alles etwas geborgt, und nochmal werde ich diese Geschichte nicht mehr lesen.
So spannend war es dann doch nicht…

Von mir gibt es für diese moderne Fassung von Jane Austens Northanger Abbey, geschrieben von Val McDermid, vier von fünf Sternen.

★★★★☆

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