[Rezension] Das Mädchen mit dem Haifischherz

Das Mädchen mit dem Haifischherz – Jenni Fagan
Antje Kunstmann Verlag
Hardcover, März 2014
ISBN 978-3-88897925-5
332 Seiten

19,95 €

Anais Hendricks hat mit ihren 15 Jahren bisher nicht viel Gutes erlebt. Einzig der Drogenrausch gibt ihr ein Gefühl von Freiheit – ansonsten ist sie eine Gefangene des Systems. Denn Anais ist ein Experiment, da ist sie sich ganz sicher. Sie wird die ganze Zeit beobachtet.
Und als sie in eine Besserungsanstalt für schwer erziehbare Jugendliche, das Panoptikum, kommt, lernt sie ebenso abgefuckte Jugendliche kennen. In gewisser Weise freundet sie sich an, gewinnt eine kleine Familie, die füreinander da ist.
Doch Anais hat noch viel größere Probleme. Sie hat eventuell eine Polizistin ins Koma geprügelt – oder war es jemand anders? Doch woher kommt sonst das Blut auf der Schuluniform?
Und die ganze Zeit muss Anais fürchten, dass sie für immer in die Geschlossene kommt. Sie weiß, vorn dort gibt es kein Entkommen mehr.

Das Mädchen mit dem Haifischherz“ ist kein Buch über ein leichtes Teenager-Leben. Es ist ein Buch voller Flüche, Drogen, Abstürzen und Unglück. Anais ist sich bewusst, dass sie keine behütete Kindheit hat und verflucht mittlerweile ihre vielen Pflegefamilien und den Umgang mit Drogen.
Gleichzeitig ist sie gefangen in dem Teufelskreis von Drogen und Kriminalität.

Ihre Ankunft in der Anstalt zeigt, wie oft sie bereits ähnliche Situationen erlebt hat. Sie erzählt auch von ihren Aufenthalten und von Routinen. Das machte alles etwas bedrückend aber auch sehr realistisch.
Man erfährt sehr schnell von Anais Angst, ein Experiment zu sein. Sie versucht, fest an eine echte Mutter zu glauben, ständig findet sie aber Beweise, dass sie eventuell nur Teil eines seltsamen Experimentes ist und überwacht wird.
Das war bedrückend zu lesen. Hat Anais zu viele Drogen genommen, dass ihre Realität verschleiert wird?

Die Geschichte um die Anhörung und das neue Leben in der Anstalt sind durchzogen von Rückblicken auf die Vergangenheit. Anais hatte es sehr sehr schwer im Leben, hat sich aber eisern durchgeboxt. Teilweise war es sogar ein glückliches Leben – Anais hat sich das Beste aus ihren Situationen gemacht, auch wenn sie sich manchmal am liebsten umgebracht hätte.

Das Buch ist ein wunderbar geschriebenes, anderes Buch. Keine Romanze, keine heile Welt. Kaputte Jugendliche, unfaire Behandlung und Unglück prägen die Erzählung. Für Leser teilweise harter Tobak, weil es für die meisten sicher mal etwas völlig anderes ist. Und es gibt kein Happy End. Respekt vor Jenni Fagan, eine solche Geschichte zu schreiben und vielen Dank an den Verlag, so etwas zu veröffentlichen. Nicht jedes Buch muss rosa enden und eine heile Welt vermitteln.
Volle Punktzahl für dieses sehr lesenswerte Buch.

★★★★★
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5 Gedanken zu “[Rezension] Das Mädchen mit dem Haifischherz

  1. Schon als Jugendlicher haben mich diese Jugendromane, die sich mit den Ausgestoßenen, Gefallenen und Gescheiterten beschäftigen, viel mehr interessiert, als die üblichen Heileweltromane. Darin lag – und liegt – sicherlich auch eine gewisse Protesthaltung gegen die als „langweilig“ empfundene Erwachsenenwelt und die Erwartungen an eine „glückliche“ Jugend. Das Phänomen ist ja nicht neu (siehe etwa „The Catcher in the Rye“) und begründet sicher heute noch den Erfolg von Romanen wie „Looking for Alaska“.

    Was mich interessieren würde ist, wie die Paranoia der Protagonistin umgesetzt ist und auf welche Symbole sie sich stützt. Finden sich hier bereits Elemente der Web-2.0-Totalüberwachung oder sind die Motive noch klassisch „analog“, im Sinne finsterer Beschatter, Wanzen im Telefon oder dem obligatorischen dunklen Van in der Straße?

    Tobias

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  2. Hallo Tobias,
    es hat funktioniert mit dem Kommentar 🙂

    Anais hat eher das Gefühl, dass sie überwacht wird, durch Spiegel, die eigentlich Scheiben sind, einen geheimnisvollen Turm vor dem Fenster des Panoptikums und durch andere Personen. Menschen, die ihr Böses wollen, stecken ihrer Meinung nach unter einer Decke.
    Ob es auch mit Totalüberwachung zu tun hatte, weiß ich jetzt gar nicht mehr so genau. Es ging eher um ihr „Gefühl“, und als Leser meint man zu glauben, dass sie es sich doch alles nur einbildet, aber man ist sich nicht so sicher, ob es nicht doch wahr ist.

    Liebe Grüße,
    Sandra

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  3. Ja, offenbar habe ich die Lösung gefunden: Cookies von Drittanbietern, die für die Authentifizierung notwendig sind – falls das Problem mal wieder auftauchen sollte.

    Danke für deine Antwort! Mir scheint, dass ihre Paranoia dann tatsächlich weder noch ist, sondern sich auf einer psychologischen Ebene abspielt, für die sie keine wirklichen materiellen „Beweise“ braucht. Also eher ein permanentes Gefühl der Bedrohung durch die Welt, als das Gefühl überwacht zu werden, wie man es vielleicht von den heutigen digitalen Medien erwarten würde.

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