[Gastrezension] Endymion


Endymion – Dan Simmons
Übersetzung von Joachim Körber
Endymion – Pforten der Zeit und Endymion – Die Auferstehung
Taschenbuch, 2014
ISBN 978-3-453-31517-4
1405 Seiten
21,99 €
Sie lesen das aus dem falschen Grund. […] Falls Sie es aus demselben Grund lesen, aus dem ich es schreibe – um einen Sinn in das Choas der letzten Jahre zu bringen, um den weigehend willkürlichen Ereignissen, die unser aller Leben in den vergangenen Standarddekaden beherrscht haben, eine Ordnung aufzuzwingen –, dann lesen Sie es vielleicht doch aus den richtigen Gründen. […] Wo soll ich anfangen? Möglicherweise mit einer Todesstrafe. Aber mit wessen – meiner Todesstrafe oder ihrer? Und wenn mit meiner, mit welcher? Ich hätte die Auswahl aus mehreren. Vielleicht ist diese letzte am angemessensten. Am Ende anfangen. Ich schreibe dies in einer Schrödinger-Katzenkiste hoch im Orbit um die Quarantänewelt Armaghast.“
(Endymion, S. 7)
So beginnt/en Dan Simmons Roman/e Endymion. Mich hat Simmons damit gleich wieder gepackt und das Genre bestimmt. (Simmons schreibt ja nicht nur SF.) Allein die Idee, den Protagonisten in eine Schrödinger-Katzenkiste zu setzen und ihn die Geschichte, die erzählt wird, dort niederschreiben zu lassen, finde ich großartig. Was Raul Endymion dann erzählt, ist seine Odyssee. Eine Geschichte voller Abenteuer und Gefahren, voller fremder Welten und Personen (letzteres gilt vor allem für Endymion – Die Auferstehung) aber auch eine Geschichte – und hier kommt aus meiner Sicht die Einzigartigkeit von Dan Simmons zum Tragen, da er es wie kein anderer schafft, die unterschiedlichsten Themen miteinander zu verweben, ohne dass man das Gefühl hat, da habe jemand versucht Dinge zueinander zu packen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben – von der Liebe (sowohl als abstrakter Form als auch als konkrete Liebesbeziehung), von Verlust und von Religion. Manche mögen das nervig finden, für mich macht es einen SF-Roman zu mehr als bloßer Unterhaltung.
Endymion spielt im Kosmos der Hyperion-Gesänge und knüpft auch an seine Geschichte an, weshalb man die Romane auch als Fortsetzung verstehen kann, wobei Endymion auch ohne Kenntnis der Hyperion-Gesänge verstehbar ist und sollte man Endymion zuerst gelesen haben, man sich auf die Cantos (die Hyperion-Gesänge) dann ganz anders freuen kann. Insgesamt stellen beide Romane zusammengenommen ein 2.800 seitiges Meisterwerk der SF-Literatur dar. Wobei die Hyperion-Gesänge
Der Bruch zwischen Endymion – Pforten der Zeit und Endymion – Die Auferstehung, der die ursprünglichen Romane voneinander scheidet, fällt leider stärker ins Gewicht als jener, der Hyperion und Der Sturz von Hyperion voneinander trennt, obwohl in Endymion die Geschichte unmittelbarer wieder aufgegriffen wird als es in den Hyperion-Gesängen der Fall ist. Die Auferstehung leidet an manchen Stellen leider an kleinen oder großen Längen und einem vergleichsweise geringen Spannungsbogen. Die vielen Personen die plötzlich (SPOILER: und wie man am Ende erfährt auch aus gutem Grund) in die Handlung integriert werden stören den Lesefluss teilweise erheblich, weil manche Seite fast zur Hälfte mit Aufzählungen der in einem Raum befindlichen Personen gefüllt ist und manchmal, wenn auch deutlich seltener als bei den Personenaufzählungen, könnte auch die ein oder andere Landschaftsbeschreibung kürzer ausfallen. Am Ende ruft der Roman aber nochmal sein volles Potential ab und man erkennt, dass Simmons ein Meister der Konstruktion ist. Plötzlich, wie beim Rätsellösen, springt alles in Form und ergibt einen zuvor nicht erkennbaren Sinn.
Bei der Lektüre hatte ich meinen Spaß und teilweise, wie bei den Hyperion-Gesängen, das Gefühl für meine Umgebung verloren, weil mich der Roman so gepackt hat. Leider, aber auch verständlicher Weise (Meisterwerke kann man eben doch nicht am Fließband produzieren), reicht Endymion nicht ganz an die Genialität der Hyperion-Gesänge heran.
Last but not least ein paar Worte zur Ausstattung: Das Design von Heyne finde ich durchaus ansprechend, wobei man sich den Zusatz zum Autoren (Autor des Bestsellers Die Hyperion-Gesänge) aus meiner Sicht hätte sparen können, und der U4 Text schmeißt leider einige Fakten durcheinander. Das Format ist ziemlich groß, was das Buch vergleichsweise unhandlich macht, hier hat mir die ursprüngliche Gestaltung der Hyperion-Gesänge von Heyne 18 x 11,8 x 5,2 cm besser gefallen, wobei diese bei der Neuauflage von 2013 auch zu Gunsten des größeren Formats aufgegeben wurde, dafür ist die Bindung erstaunlich gut und ich hatte keine Mühe, die von mir verhassten Knick-Falzen im Buchrücken zu vermeiden.
★★★★☆
Diese Rezension wurde von Sven Zerbes geschrieben, vielen Dank für deine Mühen! 
Wir danken auch dem Heyne-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.
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