[Rezension] Isegrim

Isegrim – Antje Babendererde
Arena Verlag
Hardcover, Herbst 2013
ISBN 978-3-40106753-7
410 Seiten

16,99 €

Ihr Wald, ihr Territorium, ihr Schutz: Jola ist die Tochter vom Förster und kennt sich im Wald bestens aus. Ja, es ist ihr Reich, wo sie geborgen ist und niemand sie stört.
Fast niemand, denn vor fünf Jahren ist am Waldesrand ihre damalige beste Freundin Alina entführt worden. Von dem Mädchen wurde damals nur das Kleid gefunden, der mutmaßliche Mörder erhängte sich im Gefängnis.
Jetzt, fünf Jahre später, fühlt sich Jola aufs neue beobachtet, wenn sie im Wald unterwegs ist. Ist es der seltsame Jäger, bei dem ihr Vater stets zwei Augen zudrückt? Oder der wilde Hund, der Jungtiere reißt und keinen Besitzer zu haben scheint?
Doch im Wald wohnt noch jemand: ein fremder Junge, der so ganz anders scheint als die Freunde aus dem Dorf. Jola sollte sich eigentlich ihrem Freund Kai, ihrer besten Freundin Saskia oder zumindest ihrem Vater anvertrauen, dass da was ist, im Wald.

Aber Jola will auf eigene Faust erkunden, was es mit dem Jungen auf sich hat. Und mit dem wilden Hund, der vielleicht keiner ist. Und mit der schlimmen Geschichte aus der Vergangenheit…

Isegrim“ ist ein so vielschichtiges Buch, dass ich dankbar über jede Seite war. Während der Anfang eher in eine gruselige Richtung geht, weil man vom Mörder von Alina und der traurigen Geschichte erfährt, ändert sich das Buch wie bei Gezeiten.

Gleich zu Beginn lernt man Jola kennen, wie sie leibt und lebt: im Wald. Sie macht sich viele Gedanken, besonders wenn sie alleine ist. So erfährt man über ihre Problematik mit Kai, eigentlich ihr bester Freund, mit dem sie aber geschlafen hat. Weil er sie liebt, und sie ihn eigentlich auch.
Die Geschichte von Alina und der tragischen Entführung ist nicht nur ein großes Thema zu Beginn, sondern begleitet einen das ganze Buch. Das hat mehrere Gründe:

+ Jola ist jemand, der nicht wegschaut. Sie möchte Dinge ändern, weiß aber teilweise nicht wie. Sie ist sich nicht sicher, ob Alina wirklich tot ist, und ob der angebliche Mörder nicht doch noch frei herumläuft.
Alleine, weil sie bei Alina zu viel verschwiegen hat, kann sie bei einer Schulaufgabe nicht schweigen. Sie erzählt die Wahrheit über ein Verbrechen kurz nach Kriegsende. Das bringt ihr nur Anfeindungen ein, aber sie hält tapfer ihren Kopf aufrecht und trotz der alten Generation, die nur schweigen und vergessen will. Ihre Haltung fand ich klasse, es war total gut nachvollziehbar. Gerade weil man viel von ihren Gedanken erfahren hat, war ich als Leserin auch immer getroffen, wenn jemand Jola beleidigt hat.

+ Durch das Verschwinden von Alina hat sich etwas bei Jola geändert. Besonders ihre Sichtweise zum Wald hat sich verändert, sowohl positiv als auch negativ. Das war deutlich zu merken.

+ Das Ende des Buches betreffend hätte etwas nicht passieren können, wären Dinge anders gelaufen… Das fand ich klasse überlegt und warf viele Geschehnisse in ein anderes Licht!

Wer meine Updates der Lesenacht verfolgt hat, wird gelesen haben, dass ich mit Isegrim erstmal ein bisschen warm werden musste. Die erste Hälfte des Buches war auch eher trist, man musste alle Figuren richtig kennen lernen und die Geschichten erfahren. In ihrer einzigartigen Art hat Antje Babendererde jeden wichtigen Dorfbewohner vorgestellt, weil die Geschichten alle irgendwie miteinander zu tun hatten.
Dann klart die Geschichte aber plötzlich auf, Jola erlebt den Sommer sonnig und voller Liebe. Die düsteren Gedanken können verdrängt werden, die Probleme sind etwas kleiner.

Es fasziniert mich, dass eine Erwachsene aus einer so jugendlichen Sicht schreiben kann. Jola war vielleicht an manchen Stellen keine 17 Jahre alt, sondern vielleicht schon 19, aber insgesamt war das kein bisschen Pseudo. 

Was etwas mühsam war zu Anfang, waren die vielen kleinen Handlungsfäden. Das vermisste Mädchen hier, der freilaufende Mörder da. Ein wilder Hund im Wald, der fremde Junge daneben. Jola und Kai, Kais Nichte in Berlin. Die Nazi-Vergangenheit dort und das Schweigen im Dorf. Das Problem mit der Liebe, die Schule und die Freiheit.
Die Autorin wirft so ein großes Netz, dass es fast schwierig ist, überall noch mitzukommen. Da aber die Perspektive bis auf winzige Ausnahmen nur bei Jola liegt, kann man mit ihr alles nachverfolgen. Denn Jola braucht auch ein bisschen, bis sie versteht. Und man versteht beim Lesen mit ihr.
Nach und nach findet ein Faden wieder den anderen und alles findet seine Rundung. Das war total toll, auch wenn Antje Babendererde dem ganzen mehrfach noch die Krone aufsetzt. Also wieder und wieder dachte ich „Hui, ist das noch zu toppen?“. Fingernägelkauend saß ich auf dem Sofa, das Buch dicht vor der Nase (trotz Brille 😉 ), um jedes Wort in mich aufzusaugen. Wie geht es aus, was passiert da? Es war nicht nur spannend, man wurde gefangen in der Geschichte, sonnte sich mit Jola, weinte mit ihr, spürte den Wind auf den Armen und hörte die Blätter in den Bäumen.
Nachdem „Selection“ mich Anfang des Monats total zappelig zurückgelassen hat, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht, war ich hier ziemlich traurig, dass das Buch jetzt zuende ist. Im Wald habe ich mich auch schon fast heimisch gefühlt, wollte Olek kennen lernen und weiter mit Jola durch die Welt gehen.
Jedes Buch von der Autorin war für mich bisher so. Jedes wollte ich gleich von vorne lesen, weil die Geschichten unter die Haut gehen. Welch ein Glück, dass immer neue Titel kommen 🙂

Für „Isegrim“, das mich gerne länger hätte begleiten können, welches eine so schöne Atmosphere und ein tolles Lesegefühl erzeugt hat, gebe ich volle Punktzahl.

★★★★★ 
Weitere sehr schöne Bücher der Autorin:

Indigosommer
Libellensommer
Der Gesang der Orcas
Die verborgene Seite des Mondes
Thalita Running Horse
Rain Song

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2 Gedanken zu “[Rezension] Isegrim

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