[Interview] Anika Beer

Es war gar nicht so leicht, noch andere Fragen an Anika Beer zu finden. Aber mit eurer Hilfe sind noch einige schöne zusammengekommen, die ich euch jetzt präsentieren möchte.

Readandbeyourself: Was ist dein Lieblingsbuch, -autor und -genre?
Hast du in deiner Kindheit bzw. jetzt als Erwachsener selber gerne Bücher gelesen (und liest noch) und wenn ja, welches Genre?

Anika Beer: Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Ich bin für jedes Buch offen, das mir eine gute Geschichte erzählt. Bücher waren schon immer einer meiner liebsten Zeitvertreibe, seit ich lesen kann. Leider komme ich weniger zum Lesen, seit ich professionell schreibe. Trotzdem lese ich nach wie vor gern und viel. Meine Vorlieben ändern sich da je nach Stimmung und Wetterlage, aber ich mag es besonders, wenn ich merke, ein Autor kennt sich wirklich gut in seinem Genre aus und kann mir die Welt noch einmal aus einer anderen Perspektive zeigen.

Hast du ein Lieblingszitat aus deinen oder aus anderen Büchern? Wenn ja, welches?
Mir fallen beim Lesen oft Zitate auf, die ich toll finde. Aber ich vergesse sie leider immer wieder. Darum habe ich mir jetzt vorgenommen, ein Lesetagebuch anzufangen. In einem Jahr kann ich diese Frage sicher besser beantworten. 😉
Ein Zitat, das mich aber nachhaltig seit meiner Kindheit beeindruckt, stammt aus Michael Endes „Momo“, wo Beppo Straßenkehrer Momo erklärt, wie man eine Straße fegen sollte:
„Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.“
Wo schreibst du am liebsten?

In meiner Wohnung auf meinem geliebten Sofa, wenn die Sonne durchs Fenster auf meinen Bauch scheint. Oder im Garten meiner Eltern.

Hast du beim Schreiben ein bestimmtes Ritual, wie z. b. Musik hören oder einfach in einem stillen Raum sitzen?
Nein, das nicht. Ich setze mich einfach hin und schreibe los. Aber meine regelmäßigen Denkerpausen am Fenster sind mir wichtig. Dann stehe ich ein paar Minuten einfach nur da und lasse die Gedanken kommen und gehen, wie sie wollen. Danach kann ich mich wieder viel besser auf den Text konzentrieren.

Wird die Familie mit einbezogen, z. B. als Testleser oder Informationsquelle?

Meine Familie bekommt natürlich immer alles vorgesetzt, was ich so schreibe, davor können sie sich nicht drücken. Was Informationsquellen angeht, schaue ich natürlich immer, wer in meinem Bekanntenkreis etwas Nützliches zum Thema wissen könnte, und die werden dann gnadenlos ausgefragt.

Wolltest du schon immer Jugendbücher schreiben?
Ich wollte schon immer Bücher schreiben. Jugendbücher oder nicht, darüber habe ich mir nie viele Gedanken gemacht. Wenn ich eine neue Idee habe, arbeite ich sie aus und sehe dann, für welche Altersgruppe sie wohl am besten geeignet wäre.

Wie hast du dich für das Genre entschieden, in dem du deine Bücher schreibst? Könntest du dir vorstellen, noch einmal das Genre zu wechseln?

Als ich anfing, ernsthaft Romane zu schreiben, war ich gerade in einer Phase, in der ich sehr viel klassische Fantasy gelesen habe. Daher waren meine ersten Bücher auch in dem Genre angesiedelt. Später, auch durch mein Studium beeinflusst, hat sich mein Interesse dann mehr zu den stärker in unserer Realität verankerten Geschichten verschoben. Aber ich bin darauf nicht festgelegt. Ich warte einfach ab, welche Ideen mir so kommen.

Durftest du an der Covergestaltung mitarbeiten?
Nein, das hat der Verlag professionellen Grafikern übertragen, und die haben das sehr schön gemacht, wie ich finde!
Bringst du auch eigene Erfahrungen, Träume und Gefühle, die du selbst erlebst, mit in das Buch ein?
Gibt es in deinen Figuren Teile von dir?

Ich denke, niemand kann sich selbst völlig aus seinen Geschichten heraushalten, schließlich muss man die Handlungen und Umgebungen auch glaubhaft darstellen können – und wie sollte man das machen, ohne aus seinen eigenen Erfahrungen zu schöpfen? Aber grundsätzlich erzähle ich ausschließlich über rein fiktive Personen und Situationen. Es kann schon mal passieren, dass ein besonders witziges oder beeindruckendes Detail aus meinem Alltag seinen Weg in mein Buch findet. Das steht dann aber in einem ganz anderen Zusammenhang oder ist so an das Buch angepasst, dass es mit dem ursprünglichen Erlebnis nicht mehr viel zu tun hat.

Liegt dir eine Person deiner Bücher besonders am Herzen?

Natürlich gibt es da den Helden meines allerersten abgeschlossenen Romans, den ich mit fünfzehn geschrieben habe, und der so ein Anfängerstück ist, dass er niemals veröffentlicht werden wird. Der Held dieser Geschichte hieß Grey, und die Trilogie, in der er vorkam, hat mich viele Jahre begleitet. Ich bin also mit ihm durch die Pubertät gegangen, bin mit ihm aufgewachsen – oder er mit mir, wie man’s nimmt. Im Kopf habe ich seine Geschichte weit über die Ereignisse in den Büchern hinaus fortgesponnen, und ich denke heute noch oft an ihn. Irgendwann wird er vielleicht noch einmal seinen Weg in eins meiner Bücher finden. Darüber würde er sich sicher sehr freuen. 😉

Entwickeln sich die Charaktere in den Büchern eigenständig, oder ist alles schon am Anfang geplant?

Die entwickeln sich sogar sehr eigenständig. Ich bin ein Bauchschreiber, meist habe ich zu Beginn nur ein eher lockeres Konzept und sehe dann beim Schreiben, wohin mich die Geschichte trägt. Und dazu tragen die Figuren und ihre Entwicklung ganz maßgeblich bei.

Würdest du den eigenen Kindern deine Bücher vorlesen, oder greifst doch lieber auf andere, von anderen Autoren zurück?

Wenn meine Kinder alt genug für meine Geschichten sind, können sie sich gern selbst entscheiden, ob sie sie lesen wollen. Ansonsten gibt es so viele schöne Kinderbücher … so viele, wie ich vorlesen möchte, kann ich selbst gar nicht schreiben.

Wo holst du dir deine Inspirationen her?

Von überall. Musik hören, Bilder ansehen, Filme schauen, Nachrichten hören, Bücher lesen, schlafen, wissenschaftliche Artikel lesen, mit anderen Menschen reden, spazieren gehen, im Café jobben … Inspiration kann überall sein, man muss nur die Augen und Ohren offen halten.

Wie sieht die sprachliche Vorbereitung zu einem Jugendbuch aus? Erstmal einige Wochen nur mit Jugendlichen in der Altersklasse sprechen, für die die Geschichte gedacht ist, oder gibt es da spezielle Tricks?

Wie schafft man es jugendgerecht zu schreiben? Ich stelle es mir schwierig vor, nicht immer wieder in zu komplizierte Sätze abzurutschen.
Ich glaube nicht, dass man für Jugendliche anders schreiben sollte als für Erwachsene. Zu komplizierte Sätze sind auch im Erwachsenenbuch anstrengend zu lesen, und eine klare, schlichte Sprache bedeutet ja nicht gleich, dass sie anspruchslos oder weniger schön ist. Viel wichtiger ist es, die richtige Stimme für die Geschichte zu finden. Dann kommt der Rest von selbst. Von daher bereite ich mich auch nicht besonders darauf vor.
Was ist der große Unterschied zwischen Romanen für Erwachsene und Kinderbüchern den man beim schreiben immer im Hinterkopf haben sollte?

Vor allem sollte man sich klar machen, dass für Jugendliche oft ganz andere Sachen wichtig sind als für Erwachsene. Die Welt sieht ja mit ein paar Jahren mehr Erfahrung schon ganz anders aus, und was einem Erwachsenen nebensächlich scheint, ist für einen Jugendlichen geradezu lebenswichtig und umgekehrt. Dementsprechend muss man bei Jugendbüchern natürlich auch die Schwerpunkte in der Geschichte anders setzen als bei einem Buch für Erwachsene.

Was ist das beste Kinderbuch das du je gelesen hast und warum?

„Momo“ von Michael Ende. Da stecken einfach so viele kluge Gedanken in diesem Buch, und Momo ist so eine starke, bewundernswerte Figur. Es geht um ein Thema, das für jeden Menschen jederzeit aktuell ist – die Art, wie wir unsere Lebenszeit nutzen – und es ist neben einer wunderschönen Geschichte über Freundschaft auch eine Erzählung, die Erwachsene nachdenklich stimmen kann und sollte.

Findest du es – wie es manche Politiker fordern – wichtig und richtig Kinder schon früh mit Toleranzthemen wie Integration oder gleichgeschlechtlicher Liebe zu konfrontieren?

Na ja, was heißt konfrontieren. Viel wichtiger als solche Themen als Problemthemen in den Mittelpunkt zu rücken, fände ich es, den Umgang mit Menschen jeglicher Nationalität oder Sexualität als ganz natürlich darzustellen, ohne dass es den Kindern wie eine Konfrontation vorkommt. Sicher gibt es diese Problematiken, daran gibt es nichts schönzureden, aber ich habe immer noch die Hoffnung, dass in nicht all zu ferner Zukunft eine Generation aufwächst, die sich gar keine Gedanken mehr um sowas machen muss, weil es ganz normal ist, Menschen zu akzeptieren und tolerieren, die anders sind als man selbst.

Findest du nicht auch, dass einige Kinderbücher (Struwwelpeter und einige andere Märchen) recht brutal sind?

Das sind sie, aber die stammen ja auch aus einer Zeit, in der auch die Kindererziehung noch viel strenger und oft auch brutaler war als heute. Nicht umsonst sind die moderneren Fassungen dieser Geschichten, wie beispielsweise die Disney-Verfilmungen, sehr viel sanfter und freundlicher gehalten.

Was ist deiner Meinung das Geheimnis von Märchen? Wieso erfreuen sie sich noch heute bei vielen Kindern großer Beliebtheit?

Märchen haben eine geradlinige Handlung, die leicht nachzuvollziehen ist, und klare Gut-Böse-Strukturen. Das macht es gerade kleineren Kindern leicht, die Geschichte zu verstehen und sich mit den Helden zu identifizieren. Dazu kommt die beruhigende Gewissheit, dass es am Ende gut ausgehen wird.

Wolltest du schon immer Autorin werden?
Im Großen und Ganzen ja. Als ich zehn war, hatte ich eine Phase, in der ich lieber Pferdewirtin geworden wäre. Aber das hat sich dann auch wieder gelegt … 😉
Hörst du gerne Musik, wenn ja welche?

Ich höre sehr gern Musik, und meine Vorlieben sind da ähnlich wechselhaft wie bei den Büchern, die ich lese. Ich kann mich für Klassik ebenso begeistern wie für Metal oder Pop und Rock. Das kommt ganz auf die Stimmung an.

Was war dein Lieblingsbuch als Kind?

Ich hatte unendlich viele Lieblingsbücher, aber am meisten habe ich wohl an meinem Räuber Hotzenplotz-Sammelband gehangen.

Wie entspannst du dich zuhause am besten?

Auf meinem Sofa, wenn ich einfach nur dort liege und döse. Mein Sofa ist das beste der Welt. Es heißt Karlsson und ist wahnsinnig bequem. Ich wüsste nicht, was ich ohne Karlsson tun würde. Auf dem Bett liegen wahrscheinlich.

Hörst du Musik beim Schreiben?

Ja, aber nur Instrumentalstücke. Musik mit Texten lenkt mich zu sehr ab, weil ich irgendwann immer anfange, mitzusingen.

Worum geht es, in deinen Worten, in „Als die schwarzen Feen kamen“?

Es geht in dem Buch um die junge Marie, die seit dem Tod ihres Vaters an Krämpfen leidet, für die bisher kein Arzt eine Ursache feststellen konnte. Als Kind beschrieb Marie die Krämpfe als schwarze Feen, die aus finsteren Gedanken schlüpfen und sie beißen. Natürlich halten Marie und auch ihr Therapeut das für eine Kinderfantasie. Umso erschütterter ist sie, als Gabriel, ein älterer Schüler, mit der geheimen Gabe, in die Schatten zu sehen, sie anspricht und behauptet, die Feen gebe es wirklich. Und nicht nur das: Sie drohen in die reale Welt durchzubrechen und Maries Familie und Freunde zu verletzen. Marie macht sich mit Gabriels Hilfe auf die Suche nach dem Ursprung der Feen und stößt auf eine geheimnisvolle Stadt aus Obsidian …
Woher kommt die Idee für die schwarzen Feen und die Parallelwelt?

Das sind eigentlich zwei Ideen: Die Feen sind im Grunde das böse Gegenstück zu den Feen, wie sie in „Peter Pan“ beschrieben werden, die ja aus Kinderlachen geboren werden. Die Parallelwelt habe ich aus dem Gedanken entwickelt, was wohl mit einem Ort geschieht, der in einer Kinderfantasie erschaffen – und dann, wenn das Kind älter wird, verlassen und vergessen wird.

Was muss man beachten, wenn man einen Fantasy – Jugendroman schreibt? Besonders bei der Entwicklung bzw. Gestaltung des Hauptcharakters und der Nebenfiguren – also das Zwischenmenschliche aber auch die Individualität, wie ist da der Charakter zur Story gewichtet?

Ich denke, das kann man nicht so verallgemeinern. Es kommt auf die Geschichte an, die man erzählen will, da gibt es ja auch im Bereich der Jugendfantasy ganz vielfältige Ideen. Ich persönlich mag es, wenn dem Zwischenmenschlichen, der Entwicklung der Figuren viel Raum gelassen wird, und so schreibe ich auch – sowohl im Jugend- als auch im Erwachsenenbereich.
Wo hättest du gerne deine Geschichte veröffentlicht, wenn sie nicht im Jugendbuchgenre gelandet wäre?
Die schwarzen Feen sind ein Jugendbuch, das hätte ich nirgendwo anders veröffentlichen wollen.
Was wäre anders gewesen, wenn es kein reines Jugendbuch geworden wäre?

Wie gesagt, „Als die schwarzen Feen kamen“ ist ein Jugendbuch, aber ob es wirklich ein „reines“ Jugendbuch ist, weiß ich nicht. Ich denke zwar, dass die Kategorisierung als Jugendbuch zu der Geschichte am besten passt, aber das bedeutet ja nicht, dass nicht auch Erwachsene etwas aus der Geschichte mitnehmen können, was Jugendliche noch nicht so sehen. Ich hätte die Geschichte für Erwachsene nicht anders erzählt, als sie ist.

Hast du schon neue Ideen für Jugendbücher?

Jede Menge sogar. Und ich hoffe, dass ich ganz viele davon umsetzen darf. An einem bin ich gerade auch schon fleißig dabei.

Du hast auch über Vampire geschrieben. Reizt dich dieses Thema noch immer?
Tatsächlich könnte ich noch ca. 3-4 weitere Vampirromane schreiben, ohne dass es mir langweilig würde. Aber auch nur mit „meinen“ Vampiren. Die Welt, die ich  mir da aufgebaut habe, ist so groß, es gibt noch so viel zu erzählen, und ich habe die Figuren sehr liebgewonnen. Aber ganz neue Vampirszenarien würde ich mir wohl nicht mehr ausdenken.

Vielen vielen Dank für deine Zeit, die du dir erneut genommen hast!

Ein Exemplar von „Als die schwarzen Feen kamen“ hat BlueNa gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!

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