[Interview] Heidemarie Brosche

Nachdem ihr nun erfahren habt, worum es in Casting geht, beantwortet Heidmarie Brosche nun eure Fragen. Hier ist die Autorenvorstellung und hier die Rezension.

Readandbeyourself: Wie sieht dein perfekter Tag aus?
Heidemarie Brosche: Mein PERFEKTER Tag?! Nicht vom Wecker geweckt werden, ausgiebig frühstücken mit vielen Tassen Tee, dabei Zeitung lesen und/oder Gespräche führen, dann aber auch schon an den PC. Schauen, was an Mails da ist, auf facebook „vorbeischauen“, schreiben. Mich nicht ums Mittagessen kümmern müssen, sondern bekocht werden, danach weiterschreiben. Nachmittags von meinem Mann zum Cappuccino gerufen werden, dann noch mal an den PC. Abends etwas Schönes vorhaben – Film oder Treffen mit Freunden oder schönes Buch oder – bei Sommerwetter draußen sitzen, solange es geht. Abends auch sehr gerne Wein – im Sommer leichter Weißwein, in der kälteren Jahreszeit Rotwein.

Was ist dein Lieblingsbuch, -autor und -genre?

Ich habe kein Lieblingsbuch, keinen Lieblingsautor. Aber „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer fand ich zum Beispiel ein wunderbar leichtes Buch, das mich sehr gut unterhalten hat. Ich lese recht oft Fachliteratur, so dass ich Romane, die nicht seicht, aber spannend sind, sehr genießen kann – gelegentlich auch Krimis wie die von Henning Mankell.

Hast du ein Lieblingszitat aus deinen oder aus anderen Büchern? Wenn ja, welches?
Kurt Tucholskys Satz „Erfahrung ist gar nichts. Man kann eine Sache auch 35 Jahre lang falsch machen.“ liegt mir sehr, da er sich gegen satte Selbstzufriedenheit wendet und zur steten kritischen Reflexion von menschlichen Verhaltensweisen – auch der eigenen – anspornt.

Hast du in deiner Kindheit bzw. jetzt als Erwachsener selber gerne Bücher gelesen (und liest noch)?
Ja, Lesen ist seit meiner Kindheit eine DER großen Freuden meines Lebens.

Wo schreibst du am liebsten?
Ich schreibe sehr gerne in meinem Arbeitszimmerchen, aber auch im Zug, im Flugzeug, in Wartesituationen (Arzt, Autohaus …) oder auf einer Fähre – wie in diesem Moment ;-).

Hast du beim Schreiben ein bestimmtes Ritual, wie z. B. Musik hören oder einfach in einem stillen Raum sitzen?
Obwohl ich sehr gerne Musik höre – und zwar von Klassik bis zu kräftigen Stampfrhythmen – und mir deshalb eine kleine Stereoanlage in mein Zimmer gewünscht habe, schreibe ich inzwischen doch am liebsten „in Ruhe“.

Wird die Familie mit einbezogen, z. B. als Testleser oder Informationsquelle?
Je nach Thema bitte ich meinen Mann oder meine Söhne, sich bestimmte Textstellen oder auch mal ein ganzes Manuskript kritisch durchzulesen. Und wenn es um Dinge geht, von denen sie mehr verstehen als ich, zapfe ich sie natürlich auch für Sachinformationen an.

Wo holst du dir deine Inspirationen her?
Eigentlich kann mir alles als Inspiration dienen: mein eigenes (Er-)leben und (Er-)Leiden, das, was ich in meinem persönlichen Umfeld wahrnehme, oft auch in der Schule, aber immer wieder auch die Erinnerung an das Kind, das ich mal war.

Wolltest du schon immer Kinder- und Jugendbücher schreiben?

Ganz klar: Nein! Auf die Idee kam ich erst als junge Mutter. Geschichten und Gedichte geschrieben habe ich allerdings schon als kleines Grundschulkind, wovon noch heute ein kleines Büchlein mit dem – von mir – handgeschriebenen Titel „Selbstgedichtedes“ zeugt.

Wie hast du dich für das Genre entschieden, in dem du deine Bücher schreibst?
Das hat sich so ergeben. Als Erstes hatte ich eine kleine Bilderbuch-Idee. Mit der konnte ich aber bei keinem Verlag landen, wohl aber mit Vorlese-Geschichten. Dies erfreute mein Herz zwar, aber ich drängte zur „längeren Form“, so dass ich irgendwann Erstleser und Kinderromane schrieb. Gleichzeitig verarbeitete ich voller Leidenschaft mein Mutterleben schreibend und hatte einige Jahre feste Kolumnen in zwei Zeitschriften. So „übte“ ich auch das Schreiben für Erwachsene, was  ebenfalls in einige Buchprojekte mündete. Zuletzt dachte ich: „Nun habe ich durch meine Söhne und  durch meine SchülerInnen unaufhörlich mit Jugendlichen zu tun. Da sollte ich doch mal versuchen, für diese Altersgruppe zu schreiben.“ Ich weiß, das klingt ein bisschen nach Hansdampf in allen Gassen, aber ich fühle mich mit dieser Vielgleisigkeit sehr wohl.

Durftest du an der Covergestaltung mitarbeiten?
Nicht bei allen Büchern, aber bei manchen.

Bringst du auch eigene Erfahrungen, Träume und Gefühle, die du selbst erlebst, mit in das Buch ein?
Gibt es in deinen Figuren Teile von dir?

Allerdings, das kann und will ich gar nicht vermeiden.

Liegt dir eine Person deiner Bücher besonders am Herzen?
Im Prinzip immer die Person, die in meinen Augen am meisten Hilfe braucht. Der versuche ich dann in meinen Geschichten dazu zu verhelfen, dass sie sich selbst besser helfen kann.

Entwickeln sich die Charaktere in den Büchern eigenständig, oder ist alles schon am Anfang geplant?
Es ist immer schon eine Menge geplant, aber ich MUSS meinen Charakteren eine gewisse Freiheit lassen, nur so komme ich zu in meinen Augen guten Geschichten. Wenn ich vor meiner Autorinnentätigkeit gehört habe, dass Buchfiguren ein Eigenleben entwickeln können, habe ich das nicht verstanden. Heute erlebe ich es sozusagen am eigenen Schreiben.

Liest du den eigenen Kindern deine Bücher vor, oder greifst doch lieber auf andere, von anderen Autoren, zurück?
Früher habe ich ihnen schon mal was von mir vorgelesen, aber jetzt sind sie zu alt dafür. Natürlich habe ich ihnen viel, viel öfter von anderen Autoren als von mir vorgelesen.

Könntest du dir vorstellen, das Genre mal komplett zu wechseln?
Ich hüpfe ja ohnehin von Genre zu Genre, insofern kann ich mir ziemlich viel vorstellen, nicht aber das Schreiben von Fantasy- und auch nicht von Horrorromanen.

Was hältst du von Ebooks?
Ich halte überhaupt nichts davon, sie zu verteufeln, wenn ich auch selbst nach wie vor das Blättern in Büchern aus Papier vorziehe.

Wie schafft man es kindgerecht zu schreiben? Ich stelle es mir schwierig vor, nicht immer wieder in zu komplizierte Sätze abzurutschen.
Inzwischen sitzt da wohl ein kleiner Zensor in meinem Kopf, der allzu Kompliziertes gar nicht erst in den PC fließen lässt. Ich denke, es ist eine Frage der Übung – und vielleicht auch des Gefühls für angemessene Sprache.

Wie sieht die sprachliche Vorbereitung zu einem Kinderbuch aus? Erst mal einige Wochen nur mit Kindern in der Altersklasse sprechen, für die die Geschichte gedacht ist, oder gibt es da spezielle Tricks?
Nein, so streng bin ich da nicht mit mir. Während des Schreibens kann es aber schon sein, dass ich mir ein bestimmtes Kind vorstelle, das sich im Alter meiner Zielgruppe befindet. Aber im Großen und Ganzen verlasse ich mich auf mein Gefühl, das sich vermutlich leichter einstellt, wenn man – wie ich – viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat – auch bei Lesungen. Letztere halte ich vor jungen Menschen von drei bis ca. 16 Jahren.

Wie wird aus einer groben Idee im Kopf mit der Zeit ein ganzes Buch?
Welchen Rat hast du für angehende Autoren?

Ich mache mir unglaublich viele Notizen, und zwar zu allen möglichen Gelegenheiten. Deshalb muss natürlich immer etwas zum Schreiben greifbar sein. Die Notizen übertrage ich dann – bereits strukturierend – auf den PC. Manches tippe ich auch gleich direkt ein. Ich mache mir Gedanken darüber, welche Eigenarten diese oder jene Figur haben könnte, wie sie spricht, wie sie sich Freunden gegenüber benimmt, worüber sie sich ärgert, was sie besonders gut kann …
Dann beginne ich – meist mit dem Anfang. Was wie ein Witz klingt, ist keiner. Denn manchmal habe ich so große Lust auf eine bestimmte Szene, dass ich unbedingt mir der anfangen will – und sie dann erst später in die Geschichte einpasse.

Was sollte man beim Schreiben von Kinderbüchern am besten vermeiden?
Kinder zu langweilen und Kinder für dumm zu verkaufen.

Findest du es – wie es manche Poltiker fordern – wichtig und richtig, Kinder schon früh mit Toleranzthemen wie Integration oder gleichgeschlechtlicher Liebe zu konfrontieren?
Ich finde es nicht schlimm, Kindern Bücher über Integration oder gleichgeschlechtliche Liebe „zuzumuten“, aber ich finde es viel sinnvoller, Themen wie diese ganz selbstverständlich in Geschichten vorkommen zu lassen.

Was war dein Lieblingsbuch als Kind?
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich EIN Lieblingsbuch hatte, aber ich weiß, dass ich z. B. Astrid Lindgrens Bullerbü-Bücher sehr, sehr geliebt habe.

Wie entspannst du dich zuhause am besten?

Ein entspannendes Wannenbad genehmige ich mir nicht allzu oft, aber wenn, dann weiß ich es sehr zu genießen. In der wärmeren Jahreszeit kann mich auch ein Sonnenbad sehr zur Ruhe bringen.

Worum geht es, in deinen Worten, in „Casting“?
Ein junges Mädchen aus einfachen Verhältnissen, das bisher nicht viel Erfolg im Leben hatte, nimmt an einem Model-Casting teil, das für Pärchen ausgeschrieben ist. Wider Erwarten ist sie mit ihrem Partner von Anfang an erfolgreich, ja, sie verstehen sich auch noch außerordentlich gut. Durch einen Sturz mit Verletzungsfolge, den sie vermutlich einer Konkurrentin verdankt, ändert sich alles. Am Ende ist sie … Nein, das verrate ich jetzt nicht. Nur so viel: … um Erfahrungen reicher und innerlich gereift.

Wie bist du auf die Idee zu „Casting“ gekommen, und wann zum ersten Mal? Hast du so einen Konkurrenzkampf schon selber in deiner eigenen Umgebung beobachten oder warst vielleicht sogar mittendrin?
In diesem Fall wurde ich vom Verlag gefragt, ob ich mir das Thema vorstellen könnte. Ich war mir erst gar nicht sicher, aber dann las ich jede Menge Artikel und Bücher und führte Gespräche, bis ich plötzlich in der Geschichte drin war.

Wieso ist das Thema für dich wichtig?
Findest du alle im Fernsehen übertragenen Castingshows verwerflich?

Wichtig scheint mir, den jungen LeserInnen einen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen, ihnen zu zeigen, dass das, was im Fernsehen zu sehen ist, oft wenig mit der Realität zu tun hat.
Um die zweite Frage beantworten zu können, müsste ich alle Shows kennen. Das tue ich aber nicht. Es geht mir auch gar nicht darum, Castingshows oder gar ihre Fans zu verurteilen, sondern den jungen ZuschauerInnen zu einer kritischen Distanz zu verhelfen. Dies klingt jetzt ganz so, als habe ich das Buch nur aus erziehlichen Gründen geschrieben. Das stimmt aber nicht. Ich hoffe, dass die Geschichte an sich gerne gelesen wird.

Warum ist es dir so wichtig, über Themen zu schreiben die auch etwas vermitteln? Möchtest du nicht einfach auch mal eine nette Geschichte ohne pädagogischen Hintergrund schreiben, oder kommt das von alleine?
Das ist eine Gratwanderung. Nur seicht plappern möchte ich nicht, aber die moralische Keule schwingen auch nicht. Ich glaube, es ist mit meinen Büchern wie mit mir: Ich laufe auch nicht immer mit einem Schild herum, auf dem ich meine politische und weltanschauliche Meinung kundtue, aber wenn es sich ergibt, bekenne ich mich ganz klar zu meiner Meinung.

War „Casting“ von Anfang an als Schulausgabe geplant?
Ja, war es. Aber ich würde mich freuen, wenn es nicht nur als Klassenlektüre gelesen wird.

Hältst du dich beim Schreiben von deinen Büchern immer an deine eigenen Tipps, wie du sie im Ratgeber gibst?
Das kann ich so nicht beantworten. Da müsste ich glatt meinen Ratgeber noch mal lesen. 😉 Ich denke aber schon, dass ich das im Hinterkopf mit mir herumtrage.

Wieso ist es dir wichtig, „Lesemuffel“, wie du selbst sagst, zu wecken?
Ich finde, Leseförderung orientiert sich zu oft an den Kindern und Jugendlichen, die aus gebildeten Elternhäusern kommen und von daher „dem Buch“ ohnehin schon recht nahe sind. Natürlich besteht auch hier die Konkurrenz durch PC, Internet usw., aber es gibt lesende Vorbilder, lesende Menschen im Bekanntenkreis, Gespräche … Die Kinder und Jugendlichen aber, bei denen es zu Hause kein Buch gibt und die Bücher fast schon als etwas Bedrohliches empfinden, liegen mir viel mehr am Herzen. Wenn sie nicht bis zum Ende der Schulzeit einen Zugang zu Büchern erhalten, kann es sein, dass sie ihn nie mehr kriegen. Und das fände ich sehr, sehr schade.

Meinst du, Ebooks sind eine Möglichkeit, mehr Kinder (und auch Erwachsene) zum Lesen zu bringen? 
 Das kann ich nicht beurteilen, aber warum sollte man es nicht versuchen. Wenn die Sache mit dem Urheberrecht klar ist, wenn es weiterhin „echte“ Bücher gibt, warum dann nicht einen anderen,  „modernen“ Weg zum Leser einschlagen?

Würdest du, wenn es nicht anders möglich ist, auch Ebooks veröffentlichen oder dann lieber darauf verzichten?  
Natürlich würde ich das. Ich wüsste gar nicht, warum nicht. Aber ich denke, es gibt keinen Grund für eine Entscheidung. Beide Formen können doch nebeneinander stehen und nicht in Konkurrenz zueinander.

Worin unterscheidet sich dein Ratgeber von anderen?
Er ist kein rein sachlicher Ratgeber, der Ratschlag an Ratschlag reiht, sondern er begleitet mich von der Zeit meiner allerersten Schreibversuche bis zu dem Moment, wo ich anfing, mit dem Schreiben Geld zu verdienen. Ich lasse die Leser teilhaben an den Fehlern, die ich gemacht habe, verheimliche aber auch nicht, was ich rückblickend in meinen Augen gut gemacht habe und damit zur Nachahmung empfehle. Eingestreut findet man dann aber doch eine Vielzahl von Sachinformationen.

Wie gehst du mit Kritik um?
Sie tut mir IMMER weh – im ersten Moment, das gebe ich zu. Aber dann versuche ich mich mit ihr auseinanderzusetzen und zu überlegen: Tobt sich hier jemand aus oder kann ich aus der Kritik vielleicht sogar lernen?

Wie gehst du mit den neuen Möglichkeiten, mit Lesern in Kontakt zu treten (wie Facebook, Blogs und Amazon) um?
Nach langem Ringen bin ich im letzten Jahr Facebook beigetreten und dadurch auch mit einigen Bloggerinnen in Kontakt gekommen. Dies finde ich eigentlich sehr schön. Dass mir so manches an Facebook überhaupt nicht gefällt, will ich aber nicht verhehlen. Auch auf lovelybooks hatte ich  kürzlich Kontakt zu zahlreichen LeserInnen – und war erstaunt, welch reger Austausch da entstehen kann.

Was war das schönste Erlebnis mit „Fans“?
Schön ist es immer, wenn Kinder oder Jugendliche mir nach der Lektüre meiner Bücher oder nach Lesungen schreiben. Und ganz besonders freue ich mich, wenn dies in etwa so klingt: „Eigentlich lese ich nicht besonders gerne, aber Ihr Buch hat mir richtig Spaß gemacht. …“

Wird es von dir noch weitere Jugendbücher geben?
Das will ich hoffen! Gerade schreibe ich wieder eines.

Vielen vielen Dank für deine Zeit!

Das habe ich sehr gerne gemacht.

Das Buch „Casting“ hat Heidi, die Cappuccino-Mama, gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!

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