[Rezension] Das Ende unserer Tage

Das Ende unserer Tage – Christian Schüle
Klett-Cotta
März 2012
Hardcover mit Schutzumschlag
457 Seiten

Inhaltsangabe des Verlages:
In der ehemals reichen Kaufmannsmetropole Hamburg werden Kirchen in Eventagenturen umgebaut. Die legendäre Kammfabrik im Süden Hamburgs wird von chinesischen Investoren übernommen und von Bürokraten abgewickelt. Skrupellose Manager des Verfalls frönen ihrer Überspanntheit in elitären Salons, vereinsamte Individualisten suchen nach Sinn und Wert. Christian Schüle erzählt die Geschichte zweier Männer, die in dieser Welt treiben und von ihr getrieben werden: Charlie Spengler, ein gefeuerter Fabrikdirektor, der zur Gallionsfigur einer Arbeiterrebellion wird. Und Jan­Philipp Hertz, ein Jungunternehmer, der auf den Stoßwellen des Umbruchs dem allgemeinen Verhängnis seiner Stadt entgegensurft.

Mit „Das Ende unserer Tage“ habe ich mich etwas schwer getan. Der Anfang ist sehr verwirrend, in 4 Kapiteln werden nacheinander – anfangs unzusammenhangslos – etwa 8 Personen vorgestellt, die ihr Leben haben.
Nach und nach eröffnete sich erst, was die einzelnen Personen miteinander zu tun haben. Denn sie alle überschneiden sich irgendwie. Sind für einander verantwortlich, für das Schicksal, ohne es zu wissen.

Das Lesen fiel mir also nicht leicht. Die gesamte Handlung ist verworren, die Sprache kompliziert und geladen und die Figuren tiefsinnig und ausformuliert.
Christian Schüle skizziert eine Dystopie, die allerdings so nur in Hamburg spielt.

Nach etwas mehr als einem Drittel wollte ich die Lektüre schon aufgeben, da erschien der Hoffnungsschimmer am Horizont: Christian Schüle spricht über das Buch auf der Buchmesse! Welch ein Glück, dachte ich, dann weiß ich wenigstens, warum er das geschrieben hat – und was er damit ausdrücken will.
Nachdem ich die Veranstaltung auf der Buchmesse (die übrigens eine Podiumsdiskussion mit 3 anderen Gästen war) gesehen hatte, wurde mir einiges klarer. Was vorher nur verwirrend und abstrus war, ergab einen Sinn. Endlich wusste ich mal eine Antwort auf die Frage: „Was will der Autor damit sagen?“

Hertz, Spengler, Hegenbarth, Francis, Mascha… die Figuren wurden immer wieder kurz beleuchtet, alle irgendwie kaputt und mit verdrehtem Wirklichkeitsblick. Einige schaffen es, sich wieder herauszuwinden aus dem Sud, andere zerbrechen daran. Bis auf Christian Wulff sind sie alle fiktiv. Dass eine wirklich existierende Person mitspielt fand ich gut, vor allem weil Wulff damals noch im Amt war. Schüle meinte selbst, dass vor Abgabe des Romans noch nichts von der Krise abzusehen war. Seine Geschichte ist also ein „zartes Futur“, wie er sagt.
Im Buch spitzt sich die Gesamtsituation mit Wulff erst richtig zu. Insofern war die Idee also nicht ganz weit hergeholt.
 
Wie ich jetzt weiß, will Schüle ein Sittengemälde unserer Zeit entwerfen, um die Veränderungen in der sozialen Gerechtigkeit auzuzeigen. Welchen Wert hat Spiritualität für uns noch? Glauben wir noch an etwas – bzw. können wir noch glauben?
Der Massenaufstand, erfolgreich geführt von einem frustrierten Geschäftsmann ohne Job, ist die Spitze des Eisberges. Wenn wir endlich mal für eine Sache auf die Straße gehen, endet es vermutlich im Chaos.
Dass es nur Fiktion ist, sagt Schüle selbst. So einen Aufstand KANN es geben, wahrscheinlich ist das aber nicht.

Nach der Buchmesse war das Buch anders für mich. Christian Schüle hat wirklich eine Aussage dahinter gepackt, und ich war beeindruckt. Im Gespräch mit ihm fand er es gut, dass ich sein Werk als „schwere Kost“ mit tiefgehendem Inhalt beschrieb – und es trotzdem lese.

Spiegel online hat auch eine Rezension geschrieben, allerdings etwas wissenschaftlicher als ich. Es ist schwer, dieses Mammut von einem Buch in Worte zu fassen.
Mein Fazit daher: Für Leser von wirklich wirklich literarischen Werken und sozialpolitischem Inhalt ist das Buch gefundenes Fressen. Es ist eine Portion bitter/böser Humor drin, aber auch viel viel Leidenschaft.
Von mir gibt es nur 3 Sterne, aber die gebe ich eher den verworrenen Sätzen, der für mich etwas zu komplexen Sprache und der Lesbarkeit. Die Idee und die Handlung allerdings sind sehr faszinierend und verdienen eigentlich mehr Punkte.

★★★ 

Wer dem Autor ebenfalls zuhören möchte, kann das hier bei erlesentv.de machen.

Advertisements

2 Gedanken zu “[Rezension] Das Ende unserer Tage

Schreib mir einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s