[Rezension] Seemanns-Braut

„Manchmal denke ich, ich sollte härter sein. Ich bin doch ein Seemann. Und ein richtiger Seemann liebt nur die weite Welt und das Meer. Aber das kann ich nicht. Habe ich doch mein Herz bei dir in Berlin gelassen.“ (Brief von Heribert, S. 181)

Seemanns-Braut – Nancy Krahlisch
Knaur Taschenbuch
303 Seiten
Erschienen Februar 2012

16,99 €

Eine Fernbeziehung ist schwer. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Bisher musste ich aber maximal 200 Kilometer überwinden – anders Nancy Krahlisch. Ihr Freund Heribert will Kapitän werden, auf einem Frachtschiff. Dafür muss er nicht nur Nautik studieren, sondern auch regelmäßig 4 bis 6 Monate zur See fahren.
Aus einem Scherz heraus peilt Heribert nun auch noch an, mit 30 Jahren bereits Kapitän zu sein – und strengt sich mächtig an. Viel Zeit für ein „gewöhnliches“ Leben ist da nicht. Während Nancy also nach ihrem Journalistikstudium nach Berlin zieht, schippert Heribert über die Weltmeere. Dabei verpasst er leider auch sehr viel: Geburtstage, Weihnachten, Silvester, Familienfeiern und Hochzeiten der Freunde. Sogar den eigenen Umzug. Aber Nancy liebt ihren Seemann und so hält die Beziehung.

Das Paar ist nun seit 10 Jahren zusammen, und Heribert hat einmal gesagt, wenn er erst Kapitän ist, wird er Nancy heiraten. Und Nancy wünscht sich nichts mehr als das – doch am 10. Jahrestag der beiden ist sie auf einer anderen Hochzeit. In Sydney, wo ihre beste Freundin aus Studienzeiten heiratet.

„Er ist schon in Europa, Asien, Amerika und sogar in Disneyworld gewesen.“ (S.99)

Nancy Krahlisch schreibt in ihrem Roman „Seemanns-Braut“ über das Dasein als Frau eines Fernfahrers. Also so richtig fern. Eine Pendlerbeziehung ist das also nicht, schließlich fährt Heribert die Strecke nur 2 mal hin und 2 mal zurück.
In dem Buch scheint Nancy nicht nur zu erzählen, sondern auch zu verarbeiten. Sie beginnt mit der Verabschiedung und beschreibt, was sie alles macht wenn Heribert erstmal die Wohnung verlassen hat: Sie beseitigt seine Spuren. Die folgenden Kapitel sind alle über die Zeit während der Tour Ende 2010-Anfang 2011. Die ersten Wochen, Halbzeit, das nahende Wiedersehen, die Vorfreude.
Untermalt sind diese Zeitabschnitte mit Briefen von Heribert und dem Tagebuch von Nancy, als sie selbst einmal 3 Wochen mit dem Schiff mitgefahren ist.

In jeder Szene, die Nancy alleine beschreibt, spürt man die Trauer und die Einsamkeit. Es ist auch nicht alles rosig, oft verflucht Nancy die Entfernung und dass man sich nicht hören kann wann man will. Seit es SMS und Mail gibt, ist es etwas besser geworden, doch sich sehen ersetzt das nicht.
Aber Nancy weiß auch mit ihrem Schmerz umzugehen. Konsequent trifft sie sich in der ersten Zeit alleine Abend für Abend mit Freunden (nur nicht mit Paaren alleine) und versinkt nicht in dieser Trauer. Das fand ich gut – sie geht damit offen um.
Kein einziges Mal schreibt sie vom Aufgeben. Eine Trennung steht nicht zur Debatte.

In ihrer lockeren, authentischen Schreibweise hatte mich Nancy schnell gefangen. Trotz der Rückblicke und Briefeinschübe liest sich das Buch sehr schnell und flüssig. Da ich keinen Hinweis auf Änderungen von Namen oder Daten gefunden habe, applaudiere ich zu dem Mut, so offen über die eigene Liebe zu schreiben. Heribert hätte sicher einige Briefe weniger innig geschrieben, wenn er gewusst hätte, dass es einmal zur Veröffentlichung kommt.
Aber es ist sehr schön zu lesen, dass Männer sich auch so emotional mit Fernbeziehungen auseinandersetzen.

„Wenn Heribert nach vier Monaten endlich nach Hause kommt, stehe ich immer am Flughafen und bin wahnsinnig nervös, Jedes Mal habe ich panische Angst davor, dass die Liebe weg sein könnt, dass er vor mir steht und ich nichts mehr fühle. Dass ich ihn nicht mehr attraktiv fine, ihn nicht mehr riechen kann. Oder noch schlimmer, dass er mich nicht mehr liebt.“ (S.) 

Das Ende des Buches war dann auch erstaunlich spannend. Heribert verspätet sich (auf dem Schiff, mit dem Flugzeug, und und und). Ich kenne das – und es macht einen wahnsinnig! Wenn man sich auf einen Termin freut, und der verschoben wird, bricht die Welt zusammen. Nancy gibt sich diesmal auch besondere Mühe, und als dann am Ende alles gut wurde, musste ich fast mitweinen!

Der Umschlag des Buches ist in etwas rauem, bräunlichem Papier. Das Cover erinnert an eine Notizbuchseite, und ist in blau und rosa gehalten. Das Foto von dem Paar macht die Geschichte noch intimer, finde ich.

Seemannsbraut“ verdient volle Punktzahl. Es ist ein gelungenes Buch über die Liebe und Stärke trotz Entfernung. Schön, dass es so etwas heute noch gibt!

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5 Gedanken zu “[Rezension] Seemanns-Braut

  1. Ich hab mich sooo verstanden gefühlt, und dachte immer wieder „ach, dass ich nicht alleine so denke“! Für Fernbeziehungsler ist das echt eine tolle Geschichte – sehr ermutigend vor allem!

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  2. Leider bin ich erst jetzt auf diese doch so wunderbare Seite gestoßen. Dennoch möchte ich einige Worte zu dem Buch schreiben:
    Ich begann das Buch aus gegebenen Anlass zu lesen, nicht nur dass ich durch dieses Buch die mir noch bis dahin unbekannte Freundeskonstellation meines neuen Partners (Bertls siamisischer Zwillig 🙂 ) aufklärte, es sprach mir aus der Seele und half die Worte, Gedanken und Schmerzen zusammen zufassen, die in den ersten Wochen der Trennung auftreten.Es hilft ungemein zu wissen, dass man nicht alleine mit solchen Gedanken und Ängsten ist.

    Liebste Grüße aus der schönsten Hansestadt 🙂

    P.S. Das Buch basiert auf der wahren Liebesgeschichte von Nancy und Bertl:) Alle Namen, Zeitangaben und Orte entsprechen der Wirklichkeit 🙂

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  3. Hatte ich nicht darauf hingewiesen, dass das wirklich passiert ist, alles? Das Buch hat mich auch sehr berührt, hab ich hoffentlich auch ausdrücken können in der Rezension 😉

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